Was ist Innovationsbilanzierung?

Die beiden Begriffe „Innovation“ und „Bilanzierung“ mögen auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Während Innovation mit Neugier, Ideen, Kreativität und Lust auf Erneuerung verbunden wird, steht Bilanzierung für Zahlen, Regeln und Strukturen.

 

Wie kommen die beiden Begriffe „Innovation“ und „Bilanzierung“ zusammen?

 

Ein Blick auf die im Zusammenhang mit Innovationen verwendeten Kennzahlen zeigt, dass hier oftmals Finanzkennzahlen, wie beispielsweise Umsatz durch neue Produkte oder Return-on-Investment, verwendet werden. Das Problem beim Verwenden dieser Kennzahlen für Innovationen besteht allerdings darin, dass sie hierfür aus den folgenden Gründen nur bedingt geeignet sind.

  • Finanzdaten sind Daten aus der Vergangenheit. Sie können nur messen, was bereits passiert ist. Im Fall von Innovationsprojekten sind dies für eine lange Zeit lediglich Kosten. Potentielle Umsätze und Gewinne werden dagegen nicht gemessen, da sie in der Zukunft liegen. 
  • Kennzahlen auf Basis von Finanzdaten sind nacheilende Kennzahlen (lagging indicators), also das Ergebnis einer zuvor durchgeführten Aktivität. Für die Bewertung von Innovationen sind aber auch Frühindikatoren (leading indicators) erforderlich. 
  • Sich auf die gleichen Kennzahlen für die Bewertung von Innovationen zu fokussieren, die bei etablierten Produkten eingesetzt werden, birgt die Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. In diesem Fall würden neu eingeführte Produkte, die sich noch am Beginn der Wachstumsphase befinden, systematisch schlechter bewertet.
  • Die Auswahl der Kennzahl kann zu Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung führen. So fördert beispielsweise der Return-on-Investment Innovationen, die bestehende Ressourcen nutzen und die daher geringere Investitionen erfordern. Somit würden grundsätzlich Innovationen bevorzugt, die existierenden Produkten ähneln.

Vor diesem Hintergrund hat Eris Ries vor 10 Jahren in seinem Buch „The Lean Startup“ den Begriff der Innovationsbilanz eingeführt. Er bezeichnete hiermit eine Methode um den Fortschritt von Innovationen zu bewerten, wenn alle normalerweise genutzten Kennzahlen (z. B. Umsatz, Anzahl Kunden, Marktanteil) im Endeffekt Null sind. Dabei wählte er bewusst das Oxymoron der  Innovationsbilanz, um zu verdeutlichen, dass die Schaffung eines Motors für kontinuierliche Innovation ohne Rechnungslegungsreform nicht möglich ist. 

 

Warum Innovationsbilanzierung?

 

Die Aufgabe von Innovationsbilanzierung ist es, systematisch den Fortschritt, die Unsicherheit sowie die Erfolgsaussichten von Innovationsaktivitäten zu quantifizieren, um Entscheidungen zu treffen und Risiken zu managen.

 

Im Zusammenhang mit Innovationen müssen zahlreiche Entscheidungen getroffen werden. Sollen wir in ein Innovationsprojekt investieren? Soll ein Innovationsprojekt fortgesetzt werden oder nicht? Ist es besser in Projekt A zu investieren oder besser doch in Projekt B? Die zu treffenden Entscheidungen können dabei auf fünf Ebenen angesiedelt sein:

  • Die Unternehmensebene konzentriert sich auf Entscheidungen, die sich um die Fähigkeit der Organisation drehen, Innovationen dauerhaft und systematisch zu entwickeln. 
  • Die Bewertung des Innovationsportfolios und die Übereinstimmung mit der Innovationsstrategie stehen im Mittelpunkt der Portfolio-Ebene.
  • Den Kern der Innovationsbilanzierung stellt die Projekt-Ebene dar. Hier dreht sich alles um die Bewertung der Innovationsprojekte und das Treffen fundierter Investitionsentscheidungen, in welche Projekte in welcher Höhe investiert werden soll.
  • Auf Team-Ebene geht es beispielsweise um die Fragestellungen: Ist dies das richtige Team, um an einem Innovationsprojekt zu arbeiten? Hat dieses Team die richtige Kombination von Fähigkeiten?
  • Die Individual-Ebene widmet sich Fragestellungen nach der Eignung von Individuen für Innovationen sowie der Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten.

Die Entwicklung von Innovationen stellt immer eine Wette auf die Zukunft dar. Daher steht beim Risikomanagement von Innovationen zunächst das Innovationsprojekt selbst im Mittelpunkt. Insbesondere geht es um die Fragen der Attraktivität (Desirability), der Machbarkeit (Feasibility) sowie der Wirtschaftlichkeit (Viability) des Projekts. Die Aufgabe im Rahmen der Entwicklung eines Innovationsprojekts ist es, die Unsicherheit und somit das Risiko bezüglich dieser drei Fragestellungen systematisch zu reduzieren. Dies kann dazu führen, dass Innovationsprojekte abgebrochen werden, beispielsweise wenn keine ausreichende Nachfrage im Markt zu erwarten ist. Daher ist es im Sinne des Risikomanagements wichtig, ein Portfolio aufzubauen, das eine Vielzahl an Innovationsprojekten beinhaltet. Bei einem ausgeglichenen Portfolio wissen wir dann zwar nicht, welche Projekte erfolgreich sein werden und welche scheitern werden. Aber wir wissen, dass der Gesamtwert des Portfolios innerhalb eines bestimmten Bereichs liegen wird. Zur Ausgeglichenheit des Innovationsportfolio gehört es schließlich auch, dass das Portfolio ausreichend Projekte beinhaltet, die dazu geeignet sind, zum richtigen Zeitpunkt möglicherweise wegbrechende Bestandsprodukte zu kompensieren zu können. 

 

Wie könnte es weitergehen?

 

Innovationsbilanzierung steht noch am Anfang. So ist es bislang eine auf Unternehmens-interne Entscheidungen ausgerichtete Methode. Angesichts der Bedeutung von Innovationen für den langfristigen Erfolg und auch für das Überleben eines Unternehmens weist allerdings beispielsweise Scott D. Anthony darauf hin, dass es an der Zeit sein könnte, dass börsennotierte Unternehmen regelmäßig über ihre Innovationspipeline und die Haupttreiber ihrer Innovationsleistung berichten. Ein Musterbeispiel hierfür könnte die Entwicklung im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung darstellen. Darüber hinaus könnte Innovationsbilanzierung beispielsweise auch bei Unternehmensbewertungen (z. B. bei Unternehmensübernahmen) oder im Zusammenhang mit der Sanierungsbeurteilung von Unternehmen von Bedeutung werden.

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